14. Mai 10
Von starken Jugendlichen, Eigenverantwortung und Kultur
Interessant, dass in jeder Generation dieselbe Diskussion stattfindet, sobald sie die 30-Jahre-Grenze überschritten hat. Der Jugend fehle es an Kultur und sowieso ist sie gemeinhin schlechter und mehr ungezogen, als es in der eigenen Jugendzeit der Fall war.
Jugend ist, was sie immer war
Die jungen Menschen sind heute wie damals damit beschäftigt, ihren Hormonhaushalt zu regeln und ihre Ausrichtung für die nächsten Jahre zu finden. Allgemein veränderte sich daher der Begriff Jugend weder in seiner Bedeutung noch leben es junge Menschen anders aus. Die Umstände veränderten sich jedoch naturgemäß. So war es immer – so wird es künftig sein.
An die aktuellen Konstellationen der Gesellschaft und Möglichkeiten passen sich junge Leute allerdings an und entwickeln daraus unter anderem neue Formen des Kulturbegriffs. Nicht immer gefällt dies Erziehungsberechtigten und Erziehungsverantwortlichen, weil sie diese „Kulturströme“ nicht verstehen oder weil die eigene Entwicklung von stärkeren Rahmenbedingungen begrenzt und damit gehemmt war. Unbewusst wünscht man daher den Jugendlichen die Stricke, die einen selbst gefangen hielten.
Falsche Vorschriften und Regeln
Der verteufelte Gau als Folge daraus: Den Jugendlichen wird zu wenig Eigenverantwortung übertragen. Stattdessen versuchen engagierte Eltern mit vorhaltenden und vorschreibenden Tiraden ihre Sprösslinge in die „richtige“ Richtung zu lenken. Im Extremfall werden Sanktionen bei Nichtbeachtung diverser unsinniger Regeln und Strafen verhängt, die sich die wenigsten Jugendlichen gefallen lassen. Insbesondere, wenn die angehenden Erwachsenen sich zu einer Sub-Kultur hingezogen fühlen, schrillen bei Eltern die Alarmglocken und übereifriges Handeln übernimmt das Regiment.
Kultur unterliegt jedoch einer ständigen Weiterentwicklung. Was teils vor 50 oder 60 Jahren noch als jugendliche Albernheit oder als Teufelswerk betitelt wurde, gilt heute als Teil unserer Kulturentwicklung, als Vorreiter neuer Begrifflichkeiten, die in der Gesellschaft anerkannt sind. Von den „Alten“ damals verpönte Persönlichkeiten gelten heute als Künstler, als aktive Former von Kultur und Kunst. Aus verachteter jugendlicher Sub-Kultur ist „wahre“ Kultur geworden.
Verstehen wollen statt verteufeln
Jugendliche grenzen sich von alten Dogmen ab, es findet eine Abspaltung statt – oder besser: Altes wird verworfen oder weiterentwickelt, Neues erfunden und damit experimentiert. Wer aufs Verfallsdatum zugeht, neigt gelegentlich dazu, Dinge nicht als Kultur oder notwendige Entwicklung anzusehen, weil einzig die eigenen Interessen als „kultiviert“ gelten.
Wird Jugendlichen vorgehalten, wie schlecht ihre Generation sei, wie überaus verachtenswert, entsteht eine starke Gegenbewegung: Entfernung statt Annäherung. Dabei weiß ich aus eigener Erfahrung, dass Geduld und Interesse mehr bringen, dass das Nachvollziehenwollen von Entscheidungen und Handlungen Jugendlicher einen positiven Dialog schafft, der zusammenführt. Es ist wichtig, in einem guten Kontakt mit der Jugend zu bleiben. Vorbildlich schaffen das die Großeltern oft besser, als die Eltern in der Lage sind.
Es wäre vermessen, alles was Jungendliche tun als Entwicklung der Kultur und damit als etwas Positives zu bewerten. Dauerhaft übermäßiges Saufen, völlige Planlosigkeit mit absolutem Desinteresse gepaart und Gewalt werden weder ein Individuum noch eine Gruppe voranbringen. Aber dies ist trotz der Darstellung in der Boulevard-Presse nicht die Regel – und sowieso findet drum herum noch mehr statt.
Gefühle transportieren
Anstatt bei vermeintlichen Verfehlungen von Kindern und Jugendlichen mit der Bestrafungskeule einen Rundumschlag anzuzetteln, ist das ehrliche Zeigen der eigenen positiven und negativen Gefühle wesentlich eindrucksvoller. Die eigene Meinung in den Raum werfen, ohne zu belehren und ohne andere Meinungen zu unterdrücken, zeugt von der Fähigkeit zu konstruktiven Gesprächen. Davor haben nicht nur junge Leute normalerweise Respekt, sondern ist im generellen Umgang miteinander die Königsdisziplin der Kommunikation. Selbst wenn alle nonverbalen Signale des Jugendlichen vielleicht auf Abwehr gestellt zu sein scheinen, man darf sicher sein, dass die Worte in die Gehirnwindungen vorgedrungen sind und dort etwas auslösen.
Entspannter sein und bleiben
Wenn die angehenden Erwachsenen sich einer Sub-Kultur anschließen, sollte man entspannt bleiben, sofern die Kids nicht die eigene Gesundheit gefährden. Meine Zeilen handeln nicht von Extrembeispielen. Zudem: Wer sich im Kindesalter dem Nachwuchs gegenüber schlecht verhalten hat, sich nicht für sie in ausreichendem Maße interessiert und eingesetzt hat, darf nicht glauben, dass diese Versäumnisse später nachgeholt werden können. Zu viel Ehrgeiz für die Kids schadet auch, wie ich finde. Ein vernünftiges Level zwischen fördern und fordern und Eigenverantwortlichkeit zu finden und gelassen zu bleiben, das ist das Schwierige.
Verantwortung zulassen und früh fördern
Ich denke, dass man jungen Leuten allerspätestens ab 12 oder 13 Jahren für viele Dinge die Verantwortung übertragen muss. Eigentlich ist es in diesem Alter schon bei einigen Themen zu spät. Früh sollten Kids lernen, selbst über Manches zu entscheiden, damit sie stark bei den vielbesagten Verführungen in der Jugendzeit reagieren können. Wer schon als Kind immer zu allem Ja sagen musste, weil man dies Erwachsenen gegenüber „halt so macht“, wird sich schwer tun, später ein deutliches Nein auszusprechen, wenn es nötig ist.
Ich meine nicht, dass sich Eltern aus der Verantwortung ziehen sollen. Aber bei Themen, die zu einem unsinnigen Machtkampf ausarten, kann das Kind ruhig aus den Konsequenzen des eigenen Willens lernen, weil man ihm diesen lässt. Als unaufgeregter Ansprechpartner und Berater sollte man als Eltern jedoch stets fungieren. Wenn nötig, greift man ein, indem man Hilfestellung anbietet.
Ich meine: Die übertragene Eigenverantwortung ist der Stoff, aus dem starke Kinder und Jugendliche mit eigenen Ideen und Gedanken geformt werden! Unabhängige Ideen und Gedanken sind die Quelle einer interessanten, zukunftsweisenden Kulturentwicklung.
Ich bin keine Erziehungsexpertin und jeder muss seinen eigenen Weg mit seinen Kindern finden. Dennoch würde ich es begrüßen, wenn man meine Worte und Gedanken als Anregung für eigene Rückschlüsse annimmt und sich mit der Bedeutung von Kulturentwicklung, sich mit Erziehung und sich mit dem passenden Umgang mit Jugendlichen auseinandersetzt.
Bildnachweis: Foto von happyeddy, “Aus der Reihe fallen” – Some rights reserved.
Quelle: www.piqs.de

Mein Name ist Tina und ich freue mich auf dein Feedback! Seit 2007 bin ich glücklich ossimiliert und seit 2008 blogge ich auf unqualifziert.net losgelöst von Konventionen privat als Frau, Mutter und Hundebesitzerin. Als Frau Eisy führe ich mit meinem Mann ein feines Unternehmen und arbeite als Texterin und Autorin.
Tags: Erziehung, Jugend, Kinder, Kultur
Noch ein kleiner Link-Tipp: http://www.familylab.de/
Ich kann dir nur zustimmen. Aber ich glaube, es hat sich bereits zur guten Manier entwickelt, dass man bei Jugendlichen vor allem die schlechten Eigenschaften sieht. Die besonderen Charaktere oder diejenigen, die gute Ideen haben, bleiben dabei oft außen vor.