19. Jan 10
Leistung, Leistung und noch mehr Leistung
Wer sich selbst ständig unter Druck setzt und von sich immer mehr abverlangt, darf dies gerne tun. Doch heute werden die Leistungsanforderungen von übereifrigen Eltern gerne an ihre Kinder weitergereicht und da hört bei mir der Spaß auf. Aus dem Kind soll später ja mal was werden, es soll es (noch) besser haben als die Eltern, so hört man. Ich kann nicht absprechen, dass es gut tut, darauf zu achten, dass das eigene Kind seine Hausaufgaben ordentlich macht und auf eine passende Art gefördert wird. Doch manche Eltern übertreiben es entschieden. Der überzogene Anspruch beginnt praktisch schon kurz nach der Geburt. Kaum sind sie mit dem Neugeborenen zuhause, erfolgt die erste Babymassage, Mozartklänge berieseln das Baby, damit die Gehirnhälften auch gut aufeinander abgestimmt arbeiten, Babyschwimmen und vieles mehr vervollständigen die „Aufzucht“. Schließlich wälzt man unzählige Eltern- und Erziehungsratgeber und am liebsten würde man jeden guten Rat befolgen. Ganz klar sind normale Bauklötze für das Kleinkind nicht ausreichend, es muss Spielzeug mit zusätzlichem Lerneffekt und Nachhaltigkeitswirkung her. Einfach mal so auf den Spielplatz gehen? Nee, irgendwie kann man diesen Ausflug doch aufwerten und verbessern…
Weiter geht’s im Kindergarten. Wenn dieser nicht genug Angebote für die Kleinkinder bereithält, gibt es ja glücklicherweise für überehrgeizige Eltern noch Kurse aus vielfältigen Bereichen, musikalische Frühforderung, spielerischer Fremdsprachenunterricht, ein Vorschulkunststudium und hach, was weiß der Kuckuck noch alles. Eines dieser Angebote reicht diesen Ehrgeizlingen von Eltern nicht aus, mehrere parallel zu besuchen ist das Los ihrer Zöglinge. In der Grundschule gelandet müssen sie mindestens zu den drei besten Schülern gehören, wenn das überhaupt reicht. Was der übliche Unterricht nicht bieten kann, wird außerschulisch nachgeholt. Nicht selten werden Kinder dreimal die Woche und öfter irgendwohin gescheucht, wo sie auf die Anforderungen der schönen neuen Welt vorbereitet werden. Chinesisch darf dabei nicht fehlen, denn dort im fernen Osten liegt die Zukunft! Na klar. Deswegen ist auch nur das Gymnasium die beste Wahl, egal ob die kindlichen Leistungen wirklich ausreichend sind. Schließlich gibt es hervorragende und zertifizierte „Nachhilfelager“. Das Kind ist niemals nicht überfordert, wenn es vom Aufstehen bis zum Schlafen gehen permanent gefordert ist! So hat es wenigstens keine Zeit auf eigene Gedanken zu kommen! Meine Güte, es könnte ja passieren, dass ein EIGENER Wille aufkommt und das gute Kind in eine Richtung treibt, die man als Mutter oder Vater so gar nicht für seinen Zögling eingeplant hat und akzeptieren mag. Mal ein oder zwei Stunden ohne Ziel und Sinn spielen oder rumgammeln? UNMÖGLICH. Vor allem wenn so die elterliche Kompensation eigener, verpasster Chancen gefährdet werden könnte. (Die man auf den Nachwuchs übertragen hat.)
(Mal kurz Luft holen.)

Blick in die Zukunft
Ich weiß, dass dies nicht die allgemeine Norm ist und manches stelle ich bewusst überzogen dar. Ich selbst wünschte mir für meinen Sohnemann auch, dass er einen bestmöglichen Start ins Leben hat und tat dafür einiges. Mir sind bei ihm gute Noten wichtig und eine anständige Ausbildung wäre nicht schlecht, wenn es bei ihm soweit ist. Ich habe mich viel mit ihm von klein auf beschäftigt und ihm Wissen vermittelt, zudem gab ich ihm genug Raum für Bewegung, Toben und Klettern. Klar macht man sich Gedanken, ob man alles richtig macht. Aber als Mutter oder Vater muss man vor allem eines Lernen: Man wird Fehler machen. So einfach ist das. Sicher tut es einem Kind gut, wenn es Angebote wie Kinderturnen besuchen darf. Eine Babymassage ist für das Elternteil und das Kind förderlich. Gute Noten schaden dem Lebensweg des Nachwuchses nicht. Mir geht es einzig um die überzogenen Forderungen nach Leistung und noch mehr Leistung. Mir ist es egal, ob es eingebildet wirkt, aber LittleEisy ist clever und hat (im Augenblick) Bestnoten. Aber eines bekommt und bekam er nie – Drill. Das Wissen, das ich ihm vermittelte, geriet auf natürlichem Weg in seinen Kopf – durch Kommunikation. Reden, reden, erklären, reden, und zwar miteinander reden und nicht von oben herab und oberlehrerhaft. Das Interesse wecken war meine Devise, nicht mal bewusst, sondern weil ich ihm interessante Dinge und Zusammenhänge erklären wollte und nicht nur banales Zeug. Heute komme ich oft kaum hinterher und LittleEisy überrascht mich mit Kenntnissen und Detailwissen, da schlackern mir die Ohren, weil ich es selbst nicht wusste. Im April wird er neun und Geografie sowie Geschichte interessieren ihn sehr, auch wenn diese Fächer in der 3. Klasse noch nicht auf dem Lehrplan stehen. Momentan ist sein Hobby Theater spielen, was er aktiv in einer Theatergruppe macht. Ich zerrte ihn nicht durch etliche Kurse, er durfte von klein auf zum Kinderturnen gehen, wir waren viel draußen, ich habe ihm ganz normal Bücher vorgelesen usw. Ganz gelassen. Kein Terminstress, der ihn und mich durch die Woche gejagt hätte, um ja sicherzustellen, dass aus ihm mal was wird, damit er später in der sogenannten Leistungsgesellschaft standhalten kann.
Sicher kann man berechtigt sagen, ich hätte Glück mit meinem Sohnemann. Das weiß ich auch und ich liebe meinen kleinen Schatz. Aber das hängt nicht von seinen Leistungen ab. Jedes Kind ist etwas Besonderes und ich bin der Meinung, dass man gerade deswegen jedes Kind – auch und vor allem als Eltern – als Individuum behandeln muss. Deshalb muss man dem Anspruch gerecht werden, die natürlichen Grenzen eines Kindes zu akzeptieren. Talente hervorheben, Schwächen stärken, ohne zu viel zu wollen und gelassener sein. Am Ende werden aus den Kleinen nämlich stets Jungendliche und junge Erwachsene, die ihren eigenen Weg gehen werden. Und ich wünsche mir für jedes Kind, dass es später auf eine Kindheit zurückblicken kann und nicht auf einen Leistungsmarathon von Dutzenden Lernstationen in jeder Woche. Bekommen Kinder Sicherheit, Liebe, eine glaubwürdige Führung und freie Möglichkeiten sowie angemessene Herausforderungen, an denen sie wachsen können, dann wird aus ihnen schon was.

Mein Name ist Tina und ich freue mich auf dein Feedback! Seit 2007 bin ich glücklich ossimiliert und seit 2008 blogge ich auf unqualifziert.net losgelöst von Konventionen privat als Frau, Mutter und Hundebesitzerin. Als Frau Eisy führe ich mit meinem Mann ein feines Unternehmen und arbeite als Texterin und Autorin.
Tags: Kinder, Leistung, Leistungsdruck, Leistungsgesellschaft
Ich glaube das jedes Kind alles erreichen kann (jetzt mal behinderte Kinder ausgenommen, die aber auch meist sehr Klug sind und nur durch ihre Behinderung ein wenig gehindert werden) Es gibt halt Kinder die lernen langsamer, andere schneller, wieder andere kommen mit den Lernmethoden unserer modernen Welt nicht klar und verlieren schnell die Motivation zu lernen. Noch schneller kann man diese Motivation verlieren, wenn man täglich 24 Stunden am Tag dazu gedrillt wird immer lernen zu müssen, keine Sekunde zu vergeuden und keine Zeit für sich und seine Interessen zu haben. Der Ansatz müsste sein, die Interessen des Kindes zu finden und ihn hier zu unterstützen. Und dann ist Kreativität gefragt wie man diese Interessen mit den Lernstoff verbinden kann, den das Kind nicht so versteht, weil es nicht motiviert genug ist. Grenzen hat ein Kind nicht, da bin ich mir sicher, aber man kann die Motivation zerstören und dann ist ein Kind begrenzt.
Ich kann Eltern und werdenden Eltern immer nur die Bücher von Frau Birkenbiehl empfehlen. “Stroh im Kopf” zb., weil man dort viel über das Gehirn lernt, wie es funktioniert und wie man Gehirngerecht lernen kann.
Lieben Gruß
Sven
Sven schrieb: “Grenzen hat ein Kind nicht, da bin ich mir sicher, aber man kann die Motivation zerstören und dann ist ein Kind begrenzt.”
Dem Satz stimme ich eigentlich zu. Dennoch: Grenzen sind meiner Meinung nach nicht für immer und ewig festgesteckt sondern können sich verschieben. Manchmal gerät ein Kind an eine temporäre Grenze und dann ist es die Kunst, die Förderung so anzusetzen, dass die Motivation erhalten bleibt und die Grenze sich im positiven Sinne verschiebt und nicht im negativen. Und ich stimme voll und ganz zu, dass man die Interessen eines Kindes entdecken und fördern sollte, solange es nicht Interessen wie Drogen und ähnliches sind.
Die Bücher von Frau Birkenbiehl kenne ich nicht, aber ich werde mich mal schlau machen.