12. Apr 10
Klare Ansagen erleichtern das Zusammenleben
In letzter Zeit beschäftige ich mich intensiver mit den Themen Erziehung und Beziehung. Einen spezifischen Anlass gibt es dafür nicht, aber das Interesse ist da. Jeder steht ständig in Beziehungen zu anderen Personen, höchstens ein Eremit auf einem entvölkerten Hochplateau muss einzig mit sich selbst auskommen, die Zahl derer, die dergestalt leben, sollte verschwindend gering sein.
Eine klare Ich-Sprache
Ein großes Manko in Beziehungen – besonders in Liebesbeziehungen, aber auch in der Elternbeziehung zu Kindern – ist das Fehlen einer klaren Ich-Sprache, viel zu selten wird das „Ich“ ausgesprochen. Natürlich funktioniert ein Zusammenleben oder Zusammensein nicht, wenn jeder ausschließlich die Ego-Schiene fährt. Dennoch müssen die Beteiligten in der Lage sein, ganz klar ihre Bedürfnissen und Gefühle auszusprechen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass einige – besonders Frauen, sorry – vermuten, alle hätten spezielle Antennen auf dem Kopf, die momentane Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse übermitteln. So funktioniert das jedoch nicht. Die Folge ist häufig die Enttäuschung darüber, dass die drei genannten Dinge nicht wahrgenommen werden.
Ein Beispiel: Ein Paar am Samstagnachmittag. Er sitzt am PC und macht damit etwas Spannendes, ist vertieft. Sie steht in der Küche – aus eigenem Antrieb wohlgemerkt – und sie benötigt eine Kuchen-Box, die hoch oben auf einem Schrank steht, wo sie nur schwer rankommt. Genervt stapft sie aus der Küche, an ihrem Freund vorbei, greift sich einen Stuhl, noch genervter stapft sie zurück und will entsprechende Box holen, dabei geht alles schief, diverse Plastik-Boxen prasseln auf sie nieder wie ein Wolkenbruch. Sie fährt aus der Haut: „Warum hilfst du mir nie! Immer muss ich alles alleine machen, verdammte Scheiße!“ Er erwacht aus seiner Beschäftigung und weiß nicht wie ihm geschieht, als er plötzlich in einem hausgemachten Streit steckt.
Vermeidbar wäre diese Situation mit einer klaren Sprache gewesen. Sie hätte zu ihrem Liebsten gehen und sagen sollen: „Schatz, ich brauche deine Hilfe.“ Wenn er nicht ein totales Arschloch ist, wird er aufstehen und ihr helfen, alles ist in Butter und für eine Umarmung, ein Küsschen oder whatever wäre auch noch Zeit.
Macht den Mund auf!
Naja, ich will mich nicht als Beziehungsexpertin aufspielen, aber ich war früher auch mal so, ich dachte, andere müssten meine „Not“ doch erkennen, besonders der Partner. Ich brachte solange das Maul nicht auf, bis ich so genervt war, dass die allgemeine Frustration meist in einem blöden Moment ausbrach. Glücklicherweise weiß ich seit vielen Jahren, dass ich lieber klar und deutlich sage, was los ist, was ich brauche, was ich will und was ich nicht will. Wie gesagt, die beschriebene Situation war nur ein Beispiel. Nicht nur, wenn man Hilfe braucht, sollte man eine Ich-Sprache (so nenne ich das) an den Tag legen, sondern auch in anderen Belangen. Beispiel: „Ich will mehr von dir gekuschelt werden.“ Oder „Ich will am Wochenende mit dir etwas unternehmen.“ oder “Ich will nicht durch blöde Wörter von dir verletzt werden.” Natürlich stellt eine so gestaltete Aussage nur eine Diskussionsgrundlage dar, aber zumindest eine, mit der das Gegenüber etwas anfangen kann, weil sie eindeutig ist und nicht wischiwaschi.
Menschen sind keine Gedankenleser, Übertragungsantennen für Bedürfnisse besitzen wir bisher auch nicht. Daher bin ich überzeugt, dass einzig eindeutige Ansagen / Aussagen dem anderen vermitteln, was los ist. So gibt man der Person die Möglichkeit, auf eine angemessene Weise zu reagieren, weil er nicht Rätselraten und Kristallkugellesen braucht. Selbstverständlich sollten alle Beteiligten ihre ganz persönlichen Bedürfnisse und Gefühle aussprechen können, denn man weiß ja: Beziehungen funktionieren nur mit bereitwilligem Geben und Nehmen. By the way, auch Kindern sollte eine Ich-Sprache ermöglicht werden, denn spätestens in der Pubertät müssen sie in der Lage sein anderen gegenüber “Ich will / ich will nicht” zu äußern. Dieses bewusste Klein-Halten von Kindern durch Eltern / Erwachsene kann ich sowieso nicht leiden, denn Kinder “hat” man nicht, um sie süß und schnuckelig zu behalten, sondern um sie auf dem Weg zum Erwachsensein zu begleiten. Das ist allerdings ein anderes Thema.
Wie steht Ihr zu dieser Angelegenheit? Ließ ich etwas außer Acht, das unbedingt noch zu diesem Thema gesagt werden muss? Denkt jemand, dass ich absolut falsch liege, und falls ja, warum? Wie immer, Kommentare sind ausdrücklich erwünscht!

Mein Name ist Tina und ich freue mich auf dein Feedback! Seit 2007 bin ich glücklich ossimiliert und seit 2008 blogge ich auf unqualifziert.net losgelöst von Konventionen privat als Frau, Mutter und Hundebesitzerin. Als Frau Eisy führe ich mit meinem Mann ein feines Unternehmen und arbeite als Texterin und Autorin.
Tags: Beziehung, Ich-Sprache, Kinder, Liebe, Paare
Vielen Dank für diesen tollen Artikel
ich finde das genaus so.
und eingefahrene Verhaltensmuster sind blöd.
Kommunikation ist alles
Ich kenne das auch und habe gemerkt, daß Offenheit und Reden hilft und viele Probleme sich in Luft auflösen
Viele Grüße
Manuel
@Manuel Dieses Thema gehört absolut in den Kontext “Offenheit und Reden”, Du hast es auf den Punkt gebracht.
Auch wenn es nicht immer sooo einfach ist, hat man sich auch bei unangenehmen Materien zu offener, eindeutiger Kommunikation überwunden, stellt man meist fest, dass sich – wie du sagst – die Probleme in Luft auflösen.
hmmm.. kann man das so pauschal sagen?
Wie immer kommt es auf den Menschen an .. dem Einen ist eine klare Ansage lieber, dem Anderen eher nicht und er fühlt sich damit überfahren. Denn eine “ich will”-Ansage eliminiert Optionen …”Ich will am Wochenende mit dir etwas unternehmen”. Punkt! Wo ist da der Spielraum für den Anderen? Hat er auch Lust ist alles OK ..wenn nicht wird es schwierig für ihn.
Alternative:
Mensch – ich hätte am Wochenende echt Lust was mit dir zu unternehmen .. wie ist es bei dir?
Das ist dann keine vollendete Tatsache sondern ein Vorschlag der diskutiert werden kann.
Es sei denn, eine Dominanz ist erwünscht.
Ich weiss.. ich gehe wohl wieder zu sehr ins Detail ;D
@Thorsten Natürlich muss eine Ansage nicht so forsch ausfallen, wie ich es beschrieben habe. Aber ich erwähnte auch, dass eine klare Aussage eine Diskussionsgrundlage ist, es geht nicht um die Bestimmung oder Forderung, sondern ich fordere, dass man eindeutig ausspricht, was man will und nicht rumlabert und den Kern mit vielen Worten nicht trifft.
“Mensch – ich hätte am Wochenende echt Lust was mit dir zu unternehmen .. wie ist es bei dir?” < = ist eine klare Ansage.
“Immer muss ich Dir am Wochenende zuschauen, wie du vor der Glotze sitzt.” <= ist drum rum gelabert, denn eigentlich will man ja sagen, dass man etwas unternehmen will mit dem anderen. Manchmal verkompliziert man Dinge, die man auch einfacher sagen/haben könnte. Wobei bei diesem Beispiel auch noch der Punkt “Vorwurf” mitspielt. Jetzt gehe ich zu sehr ins Detail.
Ich finde es übrigens gut, dass Du kritisch ins Detail gehst.
@Tina

Danke . ich werde mich aber bemühen, es nicht zu übertreiben mit den Details
ja – nicht drumrum reden .. stimmt! Aber auch das “Wie” ist wichtig … ich wollte nur warnen, nicht von einem Extrem “passiv sein” in das andere Extrem zu wechseln … das ist auch nicht hilfreich.
Ich denke, dass hat viel mit Selbstbewusstsein zu tun. Ist dieses nicht (oder nur wenig) vorhanden, wird lieber drumrum geredet und gehofft, der Andere kommt selbst darauf. Um dann aber festzustellen, dass das so nicht funktioniert und … und dies nagt dann wieder am Selbstbewusstsein .. ein schöner Teufelskreis
Und mit “Du”-Botschaften macht man ja das nächste Fass auf… Vorwurf = Angriff = Streit
*g*
@Thorsten Ich sehe, wir verstehen uns. *g*
Sehr guter Beitrag! Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen und auch gleich auf einem meiner Blogs etwas dazu geschrieben!
LG, heinka
[...] ich eine Antwort geben muss, empfehle ich Wenn der Flow Pause macht über Blockaden beim Schreiben, Klare Ansagen erleichtern das Zusammenleben über die Ich-Sprache und zuletzt noch Das Auto ist ein [...]
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