25. Aug 10
Gelesen: Fräulein Jensen und die Liebe
Durch den Twitter-Account des Eichborn-Verlags wurde ich darauf aufmerksam, dass via Facebook Testleser für den neuen Roman Fräulein Jensen und die Liebe der Autorin Anne Hansen gesucht wurden. Ich bewarb mich kurzerhand darauf und hatte nur zwei oder drei Tage später das Büchlein mitsamt einer erklärenden Pressebeilage im Kasten. Ich brauchte leider etwas länger, um mir den Roman von 261 Seiten zu Gemüte zu führen, aber nun ist es geschafft.
Wovon Fräulein Jensen und die Liebe handelt:
Hanna Jensen ist eine freiberufliche Journalistin und immerhin 29 Jahre alt. Sie ist romantisch und – was ich ihr als Leserin abgesehen von ihrer Naivität vorwerfe – unglaublich oberflächlich. Ihre Art des sich Verliebens nervte nicht nur mich als Lesende, sondern auch ihre im Roman auftretende Freundin Pia, die weitaus realistischer denkt. Gemeinsam entwickeln die beiden gleichaltrigen Frauen schließlich den Plan, dass Hanna zehn Dates mit ihren mehr oder weniger prominenten Traummännern wahrnehmen wird, um endlich die Liebe ihres Lebens zu finden. Als Journalistin arrangiert Hanna vordergründig die Treffen als Interviews, hintergründig möchte sie ihre Traummänner allerdings über ihre Vorstellung zu ihren Traumfrauen und zur Liebe aushorchen. Am liebsten wäre es ihr, wenn sich ihre Dates sofort in sie verlieben und die Hochzeitsglocken läuten würden.

Fräulein Jensen und die Liebe
Also ich sehe das Büchlein so:
Die Aufmachung ist wirklich sehr sympathisch und sehenswert. Die Illustratorin Melanie Petersen hat ganze Arbeit geleistet und die passende Optik geschaffen. Die Illustration passt so wundervoll zum Inhalt, weil sie so kindlich und naiv wirkt wie die Protagonistin Fräulein Hanna Jensen. Und wenn ich naiv sage, meine ich naiv. Fräulein Jensen ist derart naiv, dass es schmerzt. Ich freue mich immer noch darüber, dass ich für den Eichborn Verlag testlesen durfte. Das bedeutet aber nicht, dass ich die Lektüre durch und durch wohlwollend bewerten kann.
Das besondere an dem Roman ist die Art und Weise der Umsetzung. Die Autorin Anne Hansen interviewte im „echten“ Leben die im Roman auftretenden Prominenten über die Liebe und ihre Traumfrauen, um die Traummänner ihrer Protagonistin möglichst authentisch auftreten lassen zu können. Genau diese Idee veranlasste mich letztlich zur Bewerbung als Testleserin. Ich weiß auch, dass die Autorin Frau Hansen wohl ihre Protagonistin Hanna Jensen mit ihren sehr eigenen Charakterzügen den Interviewpartnern vorstellte. Laut des Presseschreibens kam der Kontakt zwischen der Autorin und den Prominenten mit folgendem ungefähren Wortlaut zustande: „Guten Tag, mein Name ist Anne Hansen. Ich schreibe einen Roman und meine Protagonistin hat sich in Sie verliebt. Nun muss ich Sie stellvertretend für meine Protagonistin treffen. Haben Sie Zeit?“
Las sich der Anfang des Buches noch recht witzig, wurde mir das oberflächliche Geplauder und Gedankengerüst des Fräulein Jensen irgendwann echt zu viel. Mal ehrlich, falls Fräulein Jensen die „moderne Frau von heute“ repräsentieren soll – Prost Mahlzeit! Dann gehe ich ins Exil und schäme mich für mein Geschlecht. Dass Fräulein Hensen ein iPhone besitzt und sich auf Facebook umtreibt, auch um zu spionieren, was der Ex-Freund so treibt, ist ja noch realitätsnah. Aber dass sie sich sofort in so ziemlich jeden für sie lohnenswerten Mann unsterblich verliebt – beziehungsweise in die Vorstellung, die sie sich über ihre prominenten Traummänner macht – und wie sie an die Liebe herangeht – ich weiß nicht. Jede 13jährige ist dem Boden der Tatsachen näher.
Die ständigen oberflächlichen Gedankengänge der Protagonistin waren nur teilweise witzig. Ich weiß jedenfalls seit diesem Buch, wie sich ein Mann mit einer Freundin fühlt, die ständig nur quasselt. Da kannste nur abschalten, wenn du überleben willst. Schlimmer finde ich, dass Fräulein Jensen einen Mann nach dem Kriterium des gesellschaftlichen Status aussucht.
Der Reiz, der mich zu diesem Roman gelockt hat – die eingearbeiteten Interviews der mehr oder weniger bekannten männlichen Persönlichkeiten – kommt bei weitem zu kurz. Diese Gespräche werden von Fräulein Jensen einfach niedergequatscht beziehungsweise niedergedacht. Wenn das als Stilmittel hat dienen sollen, um zu unterstreichen, dass Hanna Jensen sich nur in das verliebte, was sie sich unter den einzelnen Männer vorgestellt hat, und nicht in die echten Personen – dann finde ich weniger wäre mehr gewesen. Dafür hätte etwas mehr Tiefgang im hübschen Köpfchen des Fräulein Jensen sicher gut getan.
Die Autorin Anne Hansen lässt die realen Traummänner für meinen Geschmack viel zu kurz auftreten. Teilweise sind es nur wenige Sätze, die sie die Prominenten sprechen lässt. Leider ist für mich auch das Ende der Geschichte, der Ausklang des Romans nicht befriedigend und viel zu abrupt, ich hatte nicht das Gefühl, dass sich Fräulein Jensen durch ihre Erfahrungen weiterentwickelt hat. Da hätte die Autorin echt noch was rausholen können, vor allem da der Roman nur 261 Seiten umfasst.
Aber ich finde auch Gutes an Fräulein Jensen und die Liebe, keine Frage. Es taugt zur einfachen Berieselung nach einem langen Arbeitstag, wenn man nicht mehr denken will. Oder für die rasche Lektüre während einer längeren Zugfahrt. Tatsächlich musste ich ein paar Mal schmunzeln, die eine oder andere ungewöhnliche Formulierung und auch mancher Ausdruck waren clever, aber mir mangelte es an diesen Stellen. Der beste Interviewpartner beziehungsweise der interessanteste, vermeintliche Traummann im Roman war für mich Bernhard Hoëcker. Er und seine Aussagen waren für mich das echte Highlight des Romans, weil er es Hanna Jensen so richtig zeigt.
Mein Fazit: Netter Roman, interessante Idee, aber mangelhaft umgesetzt. Könnte ich bis zu fünf Sterne vergeben, würde ich wohlwollend zweieinhalb bis drei davon verteilen. Frau Hansen, das können Sie sicher beim nächsten Roman besser!
Weiterführende Informationen und eine Liste der prominenten Traummänner (einschließlich Links zu deren Websites) findet ihr >>>hier<<< beim Eichborn Verlag.

Anne Hansen in der Klappenbroschur von Fräulein Jensen und die Liebe

Mein Name ist Tina und ich freue mich auf dein Feedback! Seit 2007 bin ich glücklich ossimiliert und seit 2008 blogge ich auf unqualifziert.net losgelöst von Konventionen privat als Frau, Mutter und Hundebesitzerin. Als Frau Eisy führe ich mit meinem Mann ein feines Unternehmen und arbeite als Texterin und Autorin.