26. Jan 10
Eine alte Kurzgeschichte von mir
Vor einigen Jahren schrieb ich diese Kurzgeschichte. Sie ist mir am Wochenende zwischen die Finger geraten und ich dachte, ich könnte sie hier auf meinem Blog veröffentlichen. Sie ist frei erfunden und spielt zu einer Zeit, als es noch D-Mark und Raucherabteile in Zügen der Deutschen Bahn gab. Über Kommentare und Meinungen zu meiner alten Kurzgeschichte würde ich mich freuen. Ich persönlich mag sie, auch wenn ich das Eine oder Andere heute anders verfasst hätte. Aber lest selbst.
Kurzgeschichte
Intensive Station
Dunkel dräuend und grau hingen die Wolken tief über mir und schienen mich voller Hohn ausgerechnet an diesem Tag verspotten zu wollen. Vor mir lag eine fast tot wirkende Fußgängerzone, kalt und nass vom anhaltenden Nieselregen. Die wenigsten Leute hatten an diesem trüben Donnerstag Lust auf einen Einkaufsbummel und noch weniger Lust hatten sie, einer jungen Punkerin mit etwas Kleingeld unter die Arme zu greifen. Schnorren war mir eh und je eine unangenehme Notwendigkeit, durch meine Nervosität und Fahrigkeit wurde es trotz der Dringlichkeit des Moments nicht leichter für mich. Mit dicken Jacken bekleidet, die grauen Regenschirme vor den Gesichtern, war es den Passanten ein Leichtes mich zu ignorieren, selten schenkte man mir finsteren Blickes ein Kopfschütteln falls es einfach nicht möglich war, meine Frage „Hätten Sie etwas Kleingeld, bitte?“ zu überhören. Verzweifelt lehnte ich mich nach mehr als zwei Stunden an die graue Wand eines Kaufhauses, meine aufsteigenden Tränen vermischten sich mit der alles bedeckenden Nässe und ich rutschte auf den Boden. Die wenigen Kupfermünzen rieselten verzweifelt wieder und wieder in der Jackentasche durch meine klammen Finger bis eine aufkeimende Idee etwas Hoffnung in mir aufkommen ließ. Rasch raffte ich mich auf bevor mich der Mut verlassen konnte und ich machte mich nach tiefem Atemholen auf den Weg zur Bahnhofsmission.
Dem ätzenden Regen entkommen, erklärte ich dort hektisch der älteren Frau im Büro der Bahnhofsmission mein Anliegen. Ihre Skepsis gegenüber einer bunthaarigen Person, die in runtergekommenen, tropfnassen Klamotten vor ihr stand, legte sich erst, als die Telefonauskunft sie mit der Klinik verbunden und nach endlosen Minuten der Chefarzt mit mir persönlich gesprochen hatte und meine Glaubwürdigkeit damit bestätigte.
Kurz nach dem Gespräch fand ich mich mit einem einfachen Ticket in der Tasche im nächsten Zug und fuhr meiner früheren Heimat entgegen. Nach dem Telefonat war die Frau doch noch freundlich und die Bahnhofsmission finanzierte mir die Fahrt. Von der teils reizvollen Landschaft nahm ich nicht viel wahr, zu sehr nahm mich mein Inneres in Beschlag. Ein flaues Gefühl ließ mich in dem leeren Raucherabteil auf einem verdreckten Sitz der Deutschen Bahn hin und her rutschen und ich rauchte eine nach der anderen, es tauchten Bilder und Fragen in mir auf. Wie geht es ihr und ist es meine Schuld, die Mutter fast das Leben gekostet hat? Als ich noch bei ihr gewohnt hatte, gab es viel Ärger zwischen mir und meinem älteren Bruder. Er warf mir damals vor, ich würde allen das Leben schwer machen. Besonders unserer Mutter, weil ich mit dem asozialen Punker-Pack abhinge, nichts aus meinem Leben machen würde. Dass seine herrisch aggressive Art seit Vaters Tod mir keinen Raum zum Atmen ließ und mich fortgetrieben hatte, begriff er nicht. Sicher war jedoch, dass unsere Mutter sehr unter der Situation litt, unfähig durchzugreifen und den geschwisterlichen Auseinandersetzungen ein Ende zu bereiten. Wie immer. Solche und mehr üble Gedanke quälten mich und ließen mir die Fahrt wie eine Ewigkeit erscheinen, doch auch diese von Vorwürfen gegen mich und andere geprägte Reise hatte ein Ende.
Das Krankenhaus befand sich nicht weit vom Bahnhof und ich begab mich auf schnellstem Weg dorthin, um mich an der Information zu erkundigen wo ich meine Mutter finden konnte. Man brachte mich nach wenigen Fragen zu meiner Identität mit mitleidigen Blicken in einen kleinen, kahlen Raum im ersten Stock, eine Schwester suchte in einem Edelstahlschrank passende grüne Krankenhausbekleidung und eine Haube, die ich aus hygienischen Gründen überziehen musste. Meine Nervosität steigerte sich ins Unermessliche, denn langsam begriff ich, dass dies alles Realität war und nicht nur ein unseliger Traum aus dem es ein Erwachen geben würde. Nachdem ich mir unter prüfenden Augen die Hände gewaschen und desinfiziert hatte, folgte ich auf wackeligen Knien einer herbeigerufenen, mir gegenüber unsicheren, jungen Krankenpflegerin in den abgeschirmten Intensivbehandlungsbereich. Meine Beklemmung erreichte einen vorläufigen Höhepunkt.
Durch die große Tür am Ende des Ganges, der mir wie ein düsterer, enger Tunnel vorkam, ging ich in das Zimmer meiner Mutter. Zuerst sah ich auf Gerätschaften, die surrten, piepsten und aufleuchteten. Kabel und Schläuche führten meinen Blick zu einem Bündel, das sich als Mama herausstellte. Ich sah sie das erste Mal seit über einem Jahr. Damals wollte ich niemandem mehr zur Last fallen und ich bin unvorbereitet abgehauen, doch in diesem Moment war das fern und ich begriff wie sehr ich Mutter vermisst hatte. Nur einen klitzekleinen Augenblick fühlte ich mich wie ein armes Kleinkind, das sich freute, endlich in den Entwurf einer heilen Welt geholt zu werden. Bis ich zurück in die Gegenwart gezappt wurde.
Ich trat leicht schwankend näher, ganz nah. Vorsichtig versuchte ich sie in den Arm zu nehmen, von der Angst begleitet, ihr weh zu tun oder einen lebenserhaltenden Schlauch herauszureißen. Beim Anblick von acht Infusionen fragte ich mich irritiert, wer bei diesem technischen Wirrwarr die Übersicht behielt und dafür garantierte, dass es funktionierte. Doch die Freude in den Augen meiner Mutter blendete diesen abstrusen Gedanken aus und ich wollte ihrer sehr dünnen, leisen Stimme lauschen, als ein Hustenanfall sie packte. Schnell suchte ich die krankenhaustypischen Papiertücher in Grün, die ich endlich auf einem metallenen Rolltisch fand und ich wischte ihr hochgekommenen Schleim ohne Ekel und Scheu von den Lippen. Wir waren den Tränen nah, es bedurfte keiner Worte. Schweigend hielten wir uns an den Händen und sogen das Wiedersehen in uns auf wie monströse Akkumulatoren der Gefühle. Die Zeit schien still zu stehen. Unsere Gedanken liefen simultan und führten zurück zu einem gemeinsamen, aber vorbeigezogenen Abschnitt eines schöneren Lebens.
Die Pflegerin, die mich auf das Zimmer gebracht hatte kam viel zu früh und teilte uns schüchtern mit, dass die Zeit vorbei sei, die Patientin müsse sich schonen und brauche Ruhe. Ich gab Mama einen Kuss auf die Wange und wir sahen uns für Sekunden an, die sich endlos anfühlten. Ein letztes Drücken ihrer Hände und ich stolperte aus dem Raum.
Ferngesteuert mit Scheuklappen versehen zog ich die klinikgrüne Haube und den Kittel von meinem tauben Körper, ließ sie unterwegs auf den Boden fallen. Als gespenstische Abbildung meiner selbst flüchtete ich aus dem Krankenhaus ungeachtet der Rufe der Schwestern.
Ich bemerkte nicht, wo ich hinging. Die Menschen, die Welt, alles um mich herum kam mir unwirklich vor, es herrschte Leere in meinem Kopf, nur eines hatte ich klar vor Augen: das Bild meiner Mutter, wie sie mit einem operierten Magendurchbruch auf der Intensivstation lag und mich mit weit geöffneten Augen wie klagend anblickte, von Geräten generalüberwacht, einen dicken Schnitt im Bauch und schon fast tot geglaubt, die nachhallenden Geräusche der Maschinen und meines rauschenden Bluts vermischten sich, alles kreiste um das eine Bild und die Welt drehte sich plötzlich schneller und schneller und schneller und schneller…
… bis tiefste Schwärze mich zärtlich empfing und mich wie eine Amme in ihrem warmen Schoß tröstend wiegte.
© Bettina Eisenschmidt

Mein Name ist Tina und ich freue mich auf dein Feedback! Seit 2007 bin ich glücklich ossimiliert und seit 2008 blogge ich auf unqualifziert.net losgelöst von Konventionen privat als Frau, Mutter und Hundebesitzerin. Als Frau Eisy führe ich mit meinem Mann ein feines Unternehmen und arbeite als Texterin und Autorin.
Tags: Geschichte, Kurzgeschichte
Immer noch kein Kommentar?? So fühle ich mich gezwungen, selbst zu kommentieren.
Also, jede Meinung ist erwünscht, auch jetzt noch!