Unqualifiziert
Google nennt mich Iron Betty Schmidt und hier ist mein Spielplatz. :-)

Eigenwillig: Der Schein trügt

Philosophie

laberGestern stand ich mit herrn eisy am Leipziger Hauptbahnhof. Dort sind wie an allen größeren Bahnhöfen diese netten Schalter für Menschen, die 1.-Klasse-Tickets kaufen wollen. Genau hier warteten wir mit respektvollem Abstand darauf, ein Ticket für uns beide zu erwerben. Wenige Minuten nach uns erschien ein „Anzugträger“, jung, dynamisch, vermeintlich erfolgreich. Kaum wurde der 1.-Klasse-Schalter frei, wollte genau dieser Mensch selbstbewusst an den Schalter schweben, doch er hat die Rechnung nicht mit Herrn und Frau Eisy gemacht. Zwei große Schritte schneller, ein freundlicher Blick später – wir standen vor der Dame der Deutschen Bahn und ließen ihn hinter uns. Auch sie war für Augenblicke skeptisch, ob wir bei ihr richtig waren. Erst als wir eindeutig 1.-Klasse-Tickets orderten, erfüllte sie freundlich ihren Dienst. Wir sind schließlich auch höfliche Naturen.

Was war passiert?

Mein Liebster und ich sind erfolgreich genug, um uns den Luxus von 1.-Klasse-Bahnreisen zu gönnen, vor allem nach einem langen Tag wie es gestern durch die Leo-X der Fall war. Außerdem sparen wir Geld für ein eigenes Auto. (Eine Menge Geld. ;-) ) Wir arbeiten viel und investieren massenhaft Zeit in unser Unternehmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns in Business-Outfits pressen, weder ständig noch wenn sich die Gelegenheit bietet. So angepasst sind wir beide nicht und das führt häufig zu einer Fehleinschätzung durch Mitmenschen, wie es gestern dem netten Anzugträger unterlief, weil er nur von Äußerem gelenkt sein Urteil getroffen hat. Soll ich ehrlich sein? Ein wenig amüsiert mich diese Tatsache immer wieder in solchen und ähnlichen Situationen.

Anpassung – Fehlanzeige?

Einigermaßen sollte sich jeder anpassen und grundsätzlich muss eine gesunde Freundlichkeit der Alltag sein, auch ein achtsamer Blick in die Umgebung, um schwächere Mitmenschen nicht außen vor zu lassen, finde ich wichtig. Das ist für mich wesentlicher als ein Konformgehen mit den allgemeinen Konventionen der Kleiderordnung und dem, was sonst „gerade so üblich“ ist. Häufig erlebe ich, dass gerade die Menschen bedeutend respektvoller im Umgang und freundlicher in ihrer Sprache sind, die ihrem Aussehen nach völlig gegenteilig beurteilt werden. Ebenso, dass Leute – scheinbar wohlerzogen und zuvorkommend – sich wie ekelhafte Egoisten, nein Egomanen benehmen, die kaltschnäuzig und entmenscht ihr Ding durchziehen.

Vielleicht(!) vermische ich in diesem Blogbeitrag zwei Themen, aber ich komme nun gerne auf mein ursprüngliches Anliegen zurück. Ich sehe es nicht ein, mich optisch völlig anzupassen. Wer denkt, ich sei unmöglich, gar assi gekleidet, irrt. Ich trage saubere, ordentliche, gemeingültige Kleidung, aber ich weigere mich soweit es geht, mich in Sachen zu zwängen, die ich nicht tragen will. Allerdings zögere ich nicht ein Kostüm anzuziehen, wenn mir der Sinn danach steht. Aber das kommt selten vor. ;)

Freie Entfaltung

Der Satz: „Kleider machen Leute“ mag seine Berechtigung behalten. Unser Gehirn neigt nun mal dazu, die Umwelt zu kategorisieren und gewissermaßen vorzuverurteilen, um die gewaltige Flut von Eindrücken bewältigen zu können. Dennoch behaupte ich, dass wir uns nicht zu sehr davon beindrucken lassen dürfen. Wie erwähnt, auch seriös auftretende, aussehende Personen können Übles im Schilde führen. Sie blenden bewusst mit Äußerlichkeiten, um ihre Abzocke über die Bühne zu bringen. Zu oft erfolgreich.

Nicht nur die Kleidung ist ein Faktor, der uns zu einer falschen Einschätzung führen kann. Tattoos, Piercings und ein ungewöhnlicher Haarschnitt – zack, steckt man in einer Schublade des Denkens „einfach gestrickter“ Leute, in die man nicht gehört. Freie Entfaltung ist zwar ein Recht, das jeder hat, aber leider wird durch sie mancher Weg verbaut, der locker und besser von einer illustren Persönlichkeit bewältigt werden könnte als von einer angepassten.

Der Eigenwilligkeit eine Chance

Ich plädiere vielleicht auf relativ einsamem Posten, doch ich wünsche mir mehr Chancen für eigenwillige Persönlichkeiten. Überraschungen können daraus entstehen, Beziehungen verschiedener Arten sich daraus entwickeln. Ich bin für ein Kennenlernen, anstatt eines Abstempelns von vornherein. Ich bin dafür, dass die „Eigenwilligen“ den „Normalos“ gegenüber weniger spießig und dafür aufgeschlossener werden. Denn auch das ist Realität – die Voreingenommenheit funktioniert in der Gesellschaft(?) in beide Richtungen. Doch auch Konformität kann Eigenwilligkeit bedeuten, nur ist es dann nicht so leicht zu erkennen.

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Mein Name ist Tina und ich freue mich auf dein Feedback! Seit 2007 bin ich glücklich ossimiliert und seit 2008 blogge ich auf unqualifziert.net losgelöst von Konventionen privat als Frau, Mutter und Hundebesitzerin. Als Frau Eisy führe ich mit meinem Mann ein feines Unternehmen und arbeite als Texterin und Autorin.


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5 Kommentare

  1. Barbara (5 comments) sagt:

    Das hast du sehr schön beschrieben, und ich finde, du hast völlig recht. Mir geht es ähnlich wie dir. Ich würde nie in einem Unternehmen arbeiten wollen, das eine bestimmte Art von Kleidung vorschreibt. In der Werbebranche war das zum Glück nie ein Thema (wobei es dort natürlich auch eingebildete Leute gibt). Als Selbständige geniesse ich es umso mehr, mich anzuziehen, wie ich will, ohne dabei die eingebildete Geschäftsfrau raushängen zu müssen.

    Dass andere auf Äusserlichkeiten reagieren, kenne ich ebenfalls. In gewissen Situationen bekomme ich zum Beispiel deutlich zu spüren, dass ich wie Anfang 20 aussehe, obwohl ich eigentlich bald 30 bin. Manchmal ist mir das unangenehm. Aber in zehn Jahren freue ich mich bestimmt darüber ;)

  2. Andreas (34 comments) sagt:

    Die Oberflächlichkeit anderer Menschen hat auch einen netten Nebeneffekt. Man wird oftmals Unterschätzt was mir eigentlich auch ganz recht ist ;-)

  3. Ralle NL (3 comments) sagt:

    Uuund schwupps,da isser wieder, der Ralle ;-)
    Da sprichst Du wahr, ein Phänomen der Gesellschaft, Kleider machen Leute, zumindest scheinbar unscheinbar. Es ist aber ein Trugschluß zu glauben das es der Weisheit letzter Schluß wäre, diese Art der Erkennung und Kategorisierung wird besonders den deutschen anerzogen. Da ich mich nach wie vor dazu zähle,auch wenn ich woanders wohne, kann ich das mal so in den Raum stellen, denk ich mal so. Zu meiner Erziehung zählten all die wichtigen Dinge im Leben eines jungen Mannes, saubere Hände,geputzte Zähne,gekämmte Haare und geputzte Schuhe wenn man aus dem Haus geht ( wie man nach Hause kommt ist wurscht). Bevor man zur Disco darf wird eine halbe Stunde Klafünf fällig und mindestens eine Runde Walzer, denn das ist wichtig für die Zukunft. All die Tischsitten und Gepflogenheiten der “feinen Gesellschaft” gehören selbstverständlich dazu, ebenso das Türaufhalten. Aber genau aus diesem Grundhatte ich 20 Jahre lang etwas sehr lange Haare, Lederkluft ein extra schweres Mopped und überlaute “Rockmusik” in meiner Begleitung. Was aber nichts an der Tatsache änderte, mich mit Bänkern oder anderen “wichtigen” Menschlein abzugeben bzw. dies aus geschäftlichen Gründen zu müssen. Ich muß sagen es geht, es kommt nur auf die Art und Weise an, wie man in den Wald hineinruft, so schallt es halt heraus. Die Reaktionen, die man aber zeitweilig beobachten darf, einfach köstlich, heute lach ich mich darüber kaputt wenn ich ein bissl Zeit habe. Es gibt bestimmte Menschengruppen die meinen etwas ganz besonderes zu sein, na sollen sie doch, wenn es denn hilft.
    Worauf ich eigentlich hinaus will, diese Art der Sichtweise ist nicht in allen Ländern so, sicher gibt es überall einige wichtige Leute, aber der Mehrheit ist das völlig egal. Schaut man einfach mal hier in den Niederlanden so um sich, wird man schnell feststellen das Äußerlichkeiten keinen so wirklich interessieren, man ist da, dann heißt das Hallo und guten Tag, egal ob auf der Bank,beim Chef oder sonst wo und dann wird erstmal ein bissl geschnakt. Hier leben soviel verschiedenen Nationen zusammen, die wenigsten haben solch ein Benehmen kennen lernen dürfen, die sind einfach so wie sie sind, ähnlich ist es auf vielen kleinen Inselrepublicken. Es steckt in der deutschen Kultur und im Wesen des Deutschen, Machtstrukturen aufzubauen, zu verfestigen und natürlich auf lange Sicht zu pflegen. Dieses Gebahren wird vererbt und weitergegeben und prägt natürlich die Einstellung zu vielen Dinge ein Leben lang, dementsprechend wird das Handeln bestimmt.
    Was sollst, das Leben ist eigentlich viel zu kurz um sich mit sowas zu beschäftigen, wir werden schon noch sehen wo das hinführt, die Kinder werden wieder Anti, wir haben was zu meckern, und die Welt ist in Ordnung. Bis auf die Anzugsordnung halt….wehe wenn hier jemand die Einstellung ändert ;-)

    Ein schönes Wochenende wünsch ich

  4. Tina (456 comments) sagt:

    Hach, so tolle Kommentare! Ich freue mich. :-)

    @Barbara: Als Selbständiger darf dieser Luxus genossen werden, für mich ist diese Ungezwungenheit ein schlagendes Argument dafür. Das Ding mit dem Alter kenne ich auch. Ich bin ein wenig älter als Du und musste letztes Jahr vor meinem Rauchstopp meinen Ausweis beim Zigaretten kaufen vorweisen. :D Ich werde oft jünger eingeschätzt als ich bin, aber ich sehe es als Kompliment, es amüsiert mich und bin dankbar für meine Gene. ;)

    @Andreas: Unterschätzt zu werden ist oft spaßig und von Vorteil, ich gebe Dir absolut meine Zustimmung! ;-)

    @Ralle NL: Du machst mich – mal wieder – beinahe sprachlos. :) Und zunehmend neugierig, gerne würde ich Dich irgendwann im RL mit meiner Familie kennenlernen! Danke für Deine Sichtweise, am besten gefällt mir die Aussage, “die Kinder werden wieder Anti”. Da kommen Erinnerungen hoch…

  5. Daniel (21 comments) sagt:

    Jaja, so oder so ähnlich ging es mir auch. Ich war Inhaber der Bahn-Card Comfort. Also ich in Berlin an den Schalter für 1.-Klasse und Comfort Kunden. Hatte natürlich meinen Bundeswehr-Rucksack auf. Promt erhielt ich böse und musternde Blicke von einem älteren Ehepaar. So nach dem Motto: “Der ist wohl falsch oder kann nicht lesen. Typisch Bundi.” Die “normale” Schlange war laaaannnnnggg. Die beiden sahen sich dann wohl gezwungen mal vermeintlich rechtschaffen einzugreifen. “Das ist der 1.-Klasse Schalter.” Ich entgegnete das ich das wüsste. Die Empörung war ganz genau auf ihren Gesichtern zu lesen. Ich hatte Spaß.
    @BBarbara: Ich sehe mit 30 auch aus wie 20. Meine Frau auch. Das kam wohl noch erschwerend hinzu.

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